Was für Beatles-Fans Liverpool, das ist für Dolmetscher Brüssel – Mekka der Sprachmittler und wahrscheinlich europäischste aller Städte. Ein Dutzend Leipziger Dolmetsch-Studierende bekam im Juni die Chance, die Pilgerfahrt dorthin anzutreten.
Auch wenn die Reise lang und beschwerlich war, erkundeten wir das Heiligtum noch gleich am ersten Abend. Dank der fachmännischen Führung unserer Kommilitonin Christiane fanden wir die imposante Grande Place, das erschreckend unscheinbare Männeken Piss und die bierreichste Kneipe der Stadt ohne größere Umwege.
Der nächste Vormittag sollte uns dann der Erkenntnis näher bringen: Wie arbeitet ein Dolmetscher bei der EU? Nachdem wir den Sicherheitscheck bestanden und furchtbar wichtige Namensschilder erhalten hatten, begrüßten uns die Leiter der Generaldirektion Dolmetschen im Kommissionsgebäude. Begriffe, Statistiken und Fakten prasselten auf uns ein. Nach einer EU-Richtlinien-konformen Kaffeepause bekamen wir einen Einblick in die Sphären der Dolmetschertechnik und darauf ein Referat über die anscheinend weniger spaßige Arbeit der Sprachmittler beim Europäischen Gerichtshof. Noch leicht desillusioniert trafen wir uns nach den obligatorischen Fritten zum Mittag im Europäischen Parlament wieder. Da sahen wir sie dann das erste Mal live und in Farbe: die Halbgötter mit den Kopfhörern, die wir von der Zuschauertribüne des Plenarsaales aus bei ihrer eindrucksvollen Arbeit beobachten und belauschen konnten.
Doch wir waren ja nicht nur zum Zuschauen gekommen. Im Anschluss an eine Informationsveranstaltung durften wir am darauf folgenden Morgen selbst die Dolmetscherkabinen beziehen. Nachdem die obligatorischen Erinnerungsfotos gemacht waren, dolmetschten die meisten von uns eifrig in den komfortablen Glasboxen vor sich hin. Die Sprachenvielfalt war fast schon babylonisch und der Ehrgeiz groß, das in der Uni Gelernte in einer Quasi-Praxissituation auszuprobieren – „quasi“, denn niemand konnte uns in den so genannten stummen Kabinen hören. Zu unser aller Überraschung fiel dann inmitten einer emotionsgeladenen italienischen Rede der Name unseres Außenministers und wir erkannten, dass er einer der weit entfernt sitzenden ehrwürdigen Männer auf dem Podium war. Natürlich würden wir später damit angeben, „den Steinmeier“ gedolmetscht zu haben. Am Nachmittag durften wir Sitzungen der europäischen Parlamentsfraktionen beiwohnen und merkten, dass es auch unseren verehrten Sprach-Idolen manchmal an ein bisschen Motivation mangelt – eine Erkenntnis, die uns ob der bis dahin erlebten Anbetungswürdigkeit erleichtert aufatmen ließ.
Unseren letzten offiziellen EU-Tag sollten wir wieder bei der Kommission verbringen. Aufgrund der begrenzten Anzahl von Dolmetschkabinen in den Sitzungsräumen teilten wir uns auf verschiedene Ausschüsse auf. Zur Auswahl standen spannende Sitzungsthemen wie zum Beispiel Radiofrequenzharmonierungsregulierungsmechanismen (oder so ähnlich). Schnell wurde uns klar, dass hier ohne Fachwissen und terminologische Vorbereitung nichts geht. Selbst die deutsche Verdolmetschung fremdsprachiger Fachvorträge, die sicher sehr gut war, kam uns eher spanisch vor. Ein bisschen Entspannung verschafften uns jedoch die anschließenden Gespräche mit zwei EU-Dolmetscherinnen, die uns erklärten, dass von den beamteten Sprachmittlern zwar viel erwartet werde, so sollte man z.B. mindestens drei Fremdsprachen bei Arbeitsantritt beherrschen und sich später weitere aneignen, aber dass ihnen auch viel Hilfe geboten wird, von Mutterschaftsteilzeit über Glossaraustausch bis hin zu Vorbereitungsmaterial, das sich einfach online abrufen lässt.
Den Abschlussabend nutzten wir neben Abstechern zum Atomium oder dem königlichen Chocolatier für eine bierlaunig-philosophische Diskussion über das Erlebte. Und während sich auf der Rückfahrt unter einigen Ernüchterung breit machte, träumten sich andere schon in den Brüsseler Dolmetsch-Olymp.



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